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Mittwoch, 9. April 2014

Die schmerzhafte Leiste

Copyright Dr Pietsch


Chronische und belastungsabhängige Schmerzen in der Leiste treten häufig bei Sportlern auf. Die Diagnose der „weichen Leiste“ ist häufig nur eine Verlegenheitsdiagnose. Ursachen für Beschwerden sind zahlreich.

Leistenschmerzen treten in den Sprechstunden häufig auf. Seltener sind sie akut, häufiger akut gewesen mit einem chronischen Verlauf. Bevorzugt betroffen sind Freizeitsportler. Fußballer, Leichtathleten, Schwimmer und Hockeyspieler klagen besonders oft über belastungsabhängige Beschwerden.

Die Ursachen sind vielschichtig. Echte Leistenbrüche haben nur einen Anteil von ca.20% und bereiten in der Diagnostik selten Probleme. Häufiger nehmen die Beschwerden Ausgang von einer Überlastung oder einem akuten Ereignis. Hier hilft die genaue Anamnese und die Frage nach Beginn und Verlauf sowie die Untersuchung, um zu einer treffenden Diagnose zu kommen.

Am häufigsten führen Zerrungen akut oder Überlastungen später zu Leistenschmerzen. Diese treten unter Belastung auf und können nicht „überlaufen“ werden. Es findet sich ein lokaler Druckpunkt am Schambeinast, dem Ursprung der Adduktorenmuskulatur. Diese sind für Verletzungen besonders anfällig, da sie zur Verkürzung neigen und beim Training vernachlässigt werden. Bei kraftvoller Adduktion gegen Widerstand bleibt der Schmerz lokalisiert, eine Infiltration bringt sofortige Linderung. Die Behandlung sollte unbedingt detonisierende Dehnübungen beinhalten, um Verkürzungen, auch schmerzbedingte, zu beseitigen. Dies dient gleichzeitig der Prophylaxe vor erneuten Verletzungen. Liegt dagegen ein knöcherner Ausriss vor, muss ein operatives Vorgehen erwogen werden.

Eng verwandt in klinischem Bild und Untersuchungsbefund ist die Osteitis pubis. Bei hartnäckigem Verlauf unter Annahme einer Adduktorenverletzung zeigen weiterführende diagnostische Maßnahmen typische Befunde. Die Beckenübersicht zeigt mottenfraßähnliche Veränderungen, das Skelettszintigramm schon früh eine Mehrbelegung des Schmabeines. Im MRT stellt sich ein Markraumödem des gesamten Schambeinastes dar und auch wie im CT zystische Veränderungen oder Erosionen. Beschwerden verschwinden in Ruhe, treten aber unter Belastung wieder auf. Die Behandlung ist langwierig und beinhaltet Manualtherapie sowie Kräftigung von M.psoas und Bauchmuskeln. Mit einer Rückkehr zum gewohnten Sportpensum ist nach 4 Monaten zu rechnen.

Bei Fußballern mit Leistenschmerzen wurde der Begriff der „weichen Leiste“ geprägt. Es wird eine Schwäche der hinteren Leistenwand oder ein erweiterter äußerer Leistenring angenommen. Schmerzauslösend wirkt die Irritation des Ramus genitalis des N.genitofemoralis. Der palpierende Finger findet im Seitenvergleich eine Vorwölbung des Leistenkanales, bzw. einen erweiterten Leistenring, jedoch ohne Anstoßen eines Bruches beim Niesen und Pressen. Charakteristisch sollen Beschwerden beim Anheben der gestreckten Beine mit Auslösen der Bauchpresse sein. Operative Verfahren zielen auf eine Wandverstärkung und eine Freilegung des Nervenastes, sind jedoch mit einer hohen Rezidivrate an Beschwerden geprägt. Eine Operation sollte deshalb kritisch abgewogen werden.

Eine ungewöhnliche Ursache findet sich bei Hockeyspielern. Ein Riss der Aponeurose des M.obliquus externus und des äußeren Leistenringes führt zu Leistenschmerzen beim Aufstehen und bei kraftvoller Extension der Hüfte. Konservatives Vorgehen versagt, operativ müssen Leistenring und die Aponeurose unter Erhalt des N.ileoinguinalis wiederhergestellt werden.

Weiche Leiste & Co: Viele Ursachen
Leistenkanal
Hernien
„weiche Leiste“
Zerreißungen von Anteilen des Leistenkanales
Sehnen
Akut: Zerrungen und Risse
Chronisch: Ansatztendinosen des M.rektus femoris, gracilis, ileopectineus, Adduktoren
Muskeln
Myogelosen oder „Triggerpunkte“ im M. ileopsoas, adduktor magnus, gracilis, obliquus abdominis, pectineus
Neurogen
Entrapments des N. femoralis, obturatius
Radikulopathie L2
Ossär
Blockierungen des SIG, Symphyseninstabilitäten
Abrissfrakturen der Spina iliaca
Coxarthrose, Ostitis, M.Perthes, Coxitis, Epiphyseolyse bei Kindern
Vaskulär
Stenosen der Iliacalgefäße (Radfahrer)
Gynäkologisch
Ovarialcysten, Myome, Tumore
Urologisch
Prostatitis, Epidymitis, Varikozelen, Hodentorsionen, Cystitis

Bei der Abklärung von Leistenschmerzen sollten neben der Untersuchung auf bildgebende Diagnostik nicht verzichtet werden. Radiologisch können Verletzungen des Hüftgelenkes, Frakturen, Knochentumore oder eine Coxarthrose erkannt werden. Im Zweifelsfall zeigt das Szintigramm entzündliche Veränderungen oder auch Metastasen. Ein CT kann die knöcherne Architektur besser darstellen als ein MRT. Letzteres kann aber gut ungewöhnliche Hernienlokalisationen darstellen wie Hernien am Obturator Foramen. Aber auch Sehnenverletzungen zeigen sich als verdickte Struktur, z.T. mit Kalkeinlagerungen.

Bei Frauen können Tumore zu Neuralgien des Plexus lumbalis mit Irritationen des N.ileoinguinalis oder N.genitofemoralis führen. Eine lokale neurale Infiltration, z.B. an der Spina iliaca anterior superior, führt zur Besserung. Bei Männern schließlich führt eine Prostatitis zu ausstrahlenden Schmerzen. Auch ein tiefsitzender Stein bei Urolithiasis strahlt in Leiste und Skrotum.

Wegen der Vielschichtigkeit des Krankheitsbildes werden häufig viele Fachärzte verschlissen. Neurologen können bei dumpfen Schmerzen mit Ausstrahlung auf die Vorderseite des Oberschenkels sog. Entrapments von Nerven mittels EMG über eine Atrophie versorgter Muskeln nachweisen. Doch auch Blockierungen des Sakroiliakalgelenkes, Instabilitäten der Symphyse oder muskuläre Triggerpunkte erleichtern die Diagnostik nicht und erfordern profunde manualtherapeutische Kenntnisse.





Bruckner P, Khan K: Clinical Sports Medicine. 2.Aufl.; 535-48